Warum sollte man den Vergleich vom Sprachgebrauch mehrsprachiger Kinder mit dem von Einsprachigen vermeiden?



Die Augen sind die Spiegel der Seele, sagt man oft. Das gleiche könnten wir über den Sprachgebrauch behaupten. Pädagogen, Logopäden und Psychologen stellen mit seiner Hilfe das Niveau der kognitiven und emotionellen Reifheit des Kindes fest.  Ursprünglich wurden die Mittel, um die sprachliche Entwicklung der Kinder zu messen, für einsprachige Kinder herausgearbeitet, in deren unidirektionalem Wachsen die verschiedenen Phasen nach ihrem Alter zu segmentieren sind. Diese Aufteilung ermöglicht es richtungsweisende Ansagen über die Entwicklung der Kinder zu geben.    

Aber diese Linearität verwandelt sich im Fall von einer mehrsprachigen Person in ein komplexes System. Bereits der Spracherwerb von zwei Sprachen kann auf zwei verschiedenen Arten ablaufen, das heißt, entweder gleichzeitig oder eine nach der anderen. Bei drei Sprachen wächst jedoch die Zahl der Möglichkeiten exponentiell. Darüber hinaus kann sich sogar die Richtung verändern, da man Sprachen nicht nur lernen, sondern leider auch verlernen kann. Auf der Abbildung von Cenoz sieht man welche Varianten es bei dreisprachigen Kindern gibt:

                 L1                             L2                              L3                


                            L1+L2                                                  L3               


                L1                                               L2+L3                              


                                               L1+L2+L3                                               

Es ist zu betonen, dass das Kind auf jeder von diesen Sprachen ein hohes Sprachniveau erreichen kann. Probleme können allerdings bei der Bewertung der Sprachentwicklung entstehen, wenn man sie mit der von Einsprachigen vergleicht. Das hängt nämlich davon ab, auf welcher Sprache und in welcher Phase der Test durchgeführt wurde. Obwohl mehrsprachige Kinder einen breiten Wortschatz in der Gesamtheit, der von ihnen bekannten Sprachen aufzeigen, können allerdings auch vorübergehend Mängel in der einen oder anderen erscheinen. Zusätzlich kann es vorkommen, dass mehrsprachige Kinder einfachere grammatikalische Formen verwenden als ihre einsprachigen Mitschüler, da sie gleichzeitig mehrere Systeme auf verschiedenen Sprachen lernen müssen. Diese Unterschiede werden während des Sprachentwicklungsprozesses abgebaut, die Kinder werden mit der Zeit ihre Mitschüler einholen können.  

Ferner verursacht Mehrsprachigkeit an sich keine Pathologie, sie bietet allerdings auch keine Immunität gegen solche Schwächen. Ein mehrsprachiges Kind kann also auch Legastheniker sein, aber es leidet nicht an dieser Lese-Rechtschreib-Schwäche wegen seiner Mehrsprachigkeit. Leider kommt es manchmal vor, dass mehrsprachige Kinder falsch diagnostiziert werden, entweder weil gesunde Phänomene mit Anomalien verwechselt werden oder wahre Probleme vernachlässigt werden, da man sie auf die Mehrsprachigkeit zurückführt. 

Aufgrund dessen ist es wichtig sich zu vergewissern, dass die Mehrsprachigkeit berücksichtigt wird, bevor irgendein Sprachtest mit den Kindern durchgeführt wird. Es ist auch empfehlenswert nach zu fragen, wenn man einen Kindergarten oder eine Schule sucht, ob ihr Bewertungssystem diese Merkmale berücksichtigt.  



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